3 Dinge, die wir uns im Job alle wünschen

Lena Marie Glaser

Wir klagen fast alle über Leistungsdruck oder Ausbeutung im Job und landen früher oder später im Burn-out. Doch eigentlich wollen wir ganz anders arbeiten und leben. Ich versuche herauszufinden, wie eine wertschätzende Arbeitskultur aussehen kann und was es dafür braucht.

Von Lena Marie Glaser

Beim Abendessen in einem Wiener Lokal sind wir uns einig: Wertschätzung im Job ist echt ein Luxus. Ständiger Leistungsdruck, kaum Platz für persönliche Entfaltung, und kein positives Feedback vom Chef. Das sind Erfahrungen, die die meisten von uns teilen.

Meine Erfahrungen

Früher als Juristin im Ministerium musste ich dafür kämpfen, ernst genommen zu werden. Sonst wäre ich dauerhaft die Assistentin der älteren männlichen Kollegen geblieben (natürlich im Gegensatz zu den gleichaltrigen, gleichqualifizierten männlichen Kollegen). Aber auch die übliche Vorgehensweise, Personalentscheidungen zu treffen ohne die Beteiligten einzubinden, empfand ich immer schon als ungerecht.

Als ich im Kunst- und Kulturmanagement arbeitete, konnte ich zunächst gar nicht glauben, wie niedrig die Bezahlung war. Gehälter, die kaum für Miete und Essen reichten. Außer man hatte natürlich reiche Eltern. Trotzdem gaben alle immer ihr Bestes – und es wurde von ihnen erwartet. Es machte ja Spaß und war immerhin der lang erträumte ‚Traumjob‘ für den bereits viele, viele andere in der Warteschlage standen.

Auspressen und unter druck setzen

Menschen sind faul, müssen daher ständig unter Druck gesetzt und bis zum letzten ausgepresst werden. Das ist ein Führungsstil, der noch immer sehr verbreitet ist. Die Menschen lassen es sich aus Angst vor Job- und Statusverlust gefallen, so der Arbeitsmediziner Helmut Stadlbauer im derStandard-Interview.

Aber nicht nur in Anwaltskanzleien, Kunstgalerien und internationalen Konzernen herrscht diese Kultur, sondern auch in den neuen, hippen Agenturen und Start-ups, in denen angeblich alle best friends oder wie eine Familie sind. So nach dem Motto:

Lasst uns gemeinsam am Sonntag einen Marathon laufen und dabei noch die wichtigsten Zahlen besprechen!

Gratis sushi und Ausbeutung

Diese vorgeblichen Traumarbeitsplätze bieten ihren Leuten kreative Aufgaben, das Arbeiten im Freundeskreis, kostenlosen Kaffee und Kicker im open space. Doch die Wahrheit ist oft eine andere: Hoher Zeitdruck, respektloser Umgangston, und eine scheinbare heile Welt.

Die französische Autorin Mathilde Ramadier deckte auf, dass Start-ups in Berlin junge Akademikerinnen und Akademiker nach Strich und Faden ausnutzen. Die studierte Philosophin hatte es nach einiger Zeit in solchen Unternehmen satt und beschloss darüber zu schreiben.

Sie spricht von der Lüge Wir sind eine Familie und fragt: Was nutzen uns Gratis-Sushi und Kickertisch, wenn wir ausgebeutet werden? Gratis-Goodies, gemeinsame Firmen Events in der Freizeit und befristete Jobs machen es verdammt schwer Kritik zu üben, so Ramadier (Zeit Online).

horror mit Gin Tonic

Auf Empfehlung wurde mir Anfang des Jahres ein Bewerbungsgespräch für eine interessant klingenden Stelle in einer jungen Wiener Agentur vermittelt. Ich sollte zu einer Büroparty kommen. Aus heutiger Sicht kann ich ganz klar sagen: Das war das schrecklichste Jobinterview in meinem ganzen Leben! Nichts dagegen die steifen Bewerbungsgespräche im Bundeskanzleramt oder das mühsame Assessment-Center der Deutschen Botschaft.

Zuerst wurde ich auf einen Drink eingeladen, dann begann ein (auf den ersten Blick) entspanntes Plaudern mit dem Geschäftsführer. Es war Partystimmung, wobei sich sehr bald abzeichnete, wer hier das Sagen hatte. Schroff und von oben herab kommandierte der Geschäftsführer seine fast gleichaltrigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

So saß ich da mit meinem Gin Tonic und sollte kurz und knackig auf den Punkt bringen, warum gerade ich hier arbeiten wollte. Es fühlte sich an wie ein Verhör und war ganz eindeutig eine Machtdemonstration. In diesem Moment war klar für mich: Ich werde nie im Leben in so einem Umfeld arbeiten.

eIN Erklärungsversuch

Diese Kultur in Agenturen und Start-ups entsteht oft unter finanziellem Druck. Gerade klassische Start-ups müssen sehr schnell wachsen, damit die Investoren befriedigt werden. Der Faktor Mensch ist da eher Mittel zum Zweck, eine Human Ressource halt. Für die Entwicklung einer wertschätzenden Unternehmenskultur ist da kaum Platz.

Außerdem herrscht in diesen Unternehmen oft eine Macho-Kultur. Männer und Frauen müssen sich dem unterordnen, um erfolgreich zu sein. Die Fernsehserie Mad Men lässt grüßen: Männer einer New Yorker Werbeagentur, rauchend, saufend, Frauen als nette Sekretärinnen und Aufputz.

WAs wir tun können

Aber ist das wirklich die Zukunft der Arbeit, die wir wollen? Werden wir künftig unter dem Druck ersticken, gesteuert von Robotern und Algorithmen? Oder aber: Wie könnte ein anderer Weg aussehen?

Sophie Pollak, die Gründerin von WeBandits verkauft hippe koreanische Mode in ihrem Wiener Shop in der Neubaugasse. Bei der Geburtstagsfeier einer gemeinsamen Freundin erzählt sie mir davon, dass sie in ihrer neuen Rolle als Chefin einen anderen Weg gehen will. Sie lässt sich coachen, informiert sich und versucht für ihr Unternehmen einen eigenen Weg zu finden. Neues Leadership ist das und unterscheidet sich echt grundlegend von den üblichen Macho-Allüren in Agenturen und Start-ups.

Der Hamburger Unternehmern Uwe Lübbermann hat erfolgreich Premium Cola gegründet und sich bewusst für eine andere, neue Form des Arbeitens entschieden. In seinem Unternehmen gibt es ausschließlich Konsens Entscheidungen und gleichen Lohn für alle. Lübbermann baut dabei auf Vertrauen, schriftliche Verträge gibt es keine. Mit seinem Mitarbeiter, der Lieferantin oder der Kundin spricht er auf Augenhöhe – und es funktioniert.

Was eine neue arbeitskultur braucht

Abgesehen von einem fairen Gehalt, müssen Unternehmen eine Arbeitskultur schaffen, in der diese Dinge ermöglicht werden:

1. Wir  können mitentscheiden und -gestalten.

2. Wir vertrauen einander. 

3. Wir haben die Möglichkeit, uns persönlich zu entfalten.

Be calm, kind and clear

In einem Interview verriet die Leiterin des Wiener Tanzquartiers, Bettina Kogler, dass ihre Art zu arbeiten und zu führen von dem Leitsatz Be calm, kind and clear geprägt ist (FALTER, 04/18). Mich hat dieser Satz gleich angesprochen. Bin ich im Stress, hole ich ihn hervor.  Ich finde diese Worte sind auch ein Aufruf an uns alle, uns gegenseitig mehr wertzuschätzen und es auch zu zeigen.

Lena Marie Glaser
Lena Marie Glaser

Ich möchte Arbeit und Leben neu denken. Meine Artikel, Interviews und Videos zeigen, wie es anders geht. Für eine Welt, in der wir im Mittelpunkt stehen. Interesse an mehr? Click here. Oder schreibt mir: lena@basicallyinnovative.com Follow me:  Facebook Twitter Instagram

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