Kreative & die Chancen in der Krise: Interview mit Marlies Forenbacher, Gründerin von thezoo

thezoo 2020 (c)VrindaJelinek

Marlies Forenbacher ist Architektin und Gründerin des Modelabels thezoo. Im Interview mit Lena Marie Glaser (basically innovative) spricht sie über Chancen in der Krise, neues Bewusstsein für nachhaltige, regionale Produktion, die unerwartete Rückkehr überholter Geschlechterrollen und was Unterwäsche für selbstbestimmte Frauen ausmacht.

Liebe Marlies, wie hat sich dein persönliches Arbeitsleben als Gründerin eines Slow Fashion Labels – thezoo – durch die Krise verändert?

Für mich als Gründerin bedeutete die Krise, dass ich von einem Tag auf den anderen eine neue Strategie entwickeln musste. Ich musste wieder bei Null beginnen. Mir wurde bewusst, dass es da keinen Plan geben kann, sondern dass das ein Vortasten im Dunkeln wird. Gleichzeitig ist es aber für eine Neu-Gründerin vielleicht einfacher, da ich sowieso nicht wissen konnte, wie mein 1. Jahr verlaufen wird.

Und wie hat sich die Krise auf dein Label thezoo ausgewirkt?

Als kleine Marke können wir uns momentan sicher über verhältnismäßig mehr Aufmerksamkeit freuen, müssen aber gleichzeitig auf einen unvorhersehbaren Markt und den geschädigten Handel reagieren. Das sind Herausforderungen, die Flexibilität, Kreativität und auch Gelassenheit erfordern. Für thezoo hat die Krise ausgelöst, den nächsten Schritt in Richtung Nachhaltigkeit zu gehen und auf neue Materialien zu setzen, die nicht nur lokal erzeugt werden, sondern maximale Hautverträglichkeit mit minimalen Impact auf die Umwelt vereinen. Es ist schön zu sehen, dass diese Themen an Bedeutung gewinnen!

Welche Chancen siehst du jetzt für einen nachhaltigeren Lebensstil?

Es ist zu beobachten, dass neue Wertigkeiten und Bewusstseinsebenen entstehen: So setzen viele Menschen auf Regionalität aus Solidarität. Es wird uns bewusst, wie sehr wir von internationalen Märkten, in der Modebranche vor allem Asien, abhängig sind. Der Konsum reduziert sich, die Wertigkeit steigt. Es wird weniger eingekauft und der Wunsch nach Nachhaltigkeit steigt an, besonders auch in der Mode. Die Krise hat die Möglichkeit eröffnet, neu über das Thema nachzudenken. Die Menschen hatten mehr Zeit sich zu informieren, und alles wird neu überdacht.

Wie erlebst du die Situation als Mutter von 2 Kindern, die „business as usual“ und Kinderbetreuung vereinbaren musste?

Zu Beginn des Lock-Downs schaffst du es, weil du deine Arbeit auf die Nächte verlagerst. Und plötzlich findest du dich wieder in den 1950er Jahren! Es wird von dir erwartet, als „Super-Frau“ alles gleichzeitig zu schupfen – Kinderbetreuung, Kochen, Job. Auf einmal stellt sich die Frage: Wer übernimmt was in der Familie? Für mich war überraschend, wie unsere Gesellschaft diesen Rückschritt einfach hinnimmt und kaum jemand rebelliert. Jahrzehntelang wurden unsere Rechte hart erkämpft, und jetzt finden das plötzlich alle ok? Ein typischer Satz von Frauen in meinem Umfeld war: Es geht schon. Aber warum muss es gehen?

DI Marlies Forenbacher, Gründerin von thezoo (c)ManuelZauner

Wie müssten sich die Rahmenbedingungen für berufstätige Frauen mit Kindern verbessern?

Wir müssen uns als Gesellschaft fragen: Wie kann es besser gehen? Es braucht neue Modelle um Frauen wie mich mit diesen Herausforderungen nicht allein zu lassen. Das ist extrem wichtig! Denn Frauen, die versucht haben alles zu schaffen, sind jetzt ausgebrannt. Und wir wissen ja nicht wie das alles noch weitergeht. In Holland war es beispielsweise erlaubt, dass sich vier Bezugspersonen die Kinderbetreuung aufteilen. Bei uns gibt es zwar in den Städten wieder Kinderbetreuung, aber am Land sieht das anders aus. Da müssen bessere Lösungen her.

Mit deinem Label thezoo möchtest du auch das Bild von Unterwäsche für Frauen neu denken. Warum ist das wichtig?

Der Labelname thezoo zeigt schon sehr gut auf, worum es uns geht – um Dessous, aber bewußt weniger romantisch. Wir wollen Wäsche, die sich zeigen lassen kann, ohne gleich ins sexy Eck abzudriften, ähnlich wie Bademode. Wir haben bemerkt, dass einige Kundinnen es dennoch zum Schwimmen verwenden, und dabei sind wir selbst erst draufgekommen, wie praktisch das ist. Unterwegs auf Reisen hast du damit jederzeit einen Bikini dabei.

In der Krise haben sich viele Frauen daheim bequemer gekleidet, warum sollten wir das im Büro nicht dürfen? Warum brauchen wir Push-ups, und wer bestimmt das? In einigen Interviews mit Frauen hat sich sogar gezeigt, dass Unterwäsche für Frauen oft auch ein Schutz ist. Das zu hinterfragen, finde ich sehr wichtig. Wovor müssen wir uns denn schützen?

Für welche Frauen ist eure Unterwäsche entworfen?

Wir richten uns an Frauen, die selbstbestimmt leben wollen. Die ihre Dessous nicht kaufen, um jemandem anderen zu gefallen. Wir möchten von dem Bild wegkommen, dass Unterwäsche „sexy“ sein muss. Was wir brauchen ist Halt und Freude, wir müssen aber nicht einem Fremdbild entsprechen. Es ist wie schöne Bettwäsche: Sie macht deinen Schlaf besser, aber es sieht sie keiner! Was man aber durchaus merkt, ist, dass man ausgeschlafener wirkt.

Daher sind uns der superweiche Stoff, aber auch kleine Details wichtig, wie die im Inneren gedruckte Waschanleitung anstatt kratzigen Labels. Unsere Farben, die wir am Morgen für unseren intimsten Layer auswählen sind wie „silent music in your head“. Wir wollen, dass sie unsere Kundinnen erstrahlen lassen. Egal ob du sie herzeigst oder nicht, es macht etwas aus dir, mit dir, es bleibt bei dir. So haben wir zum Beispiel gelbe Unterwäsche für graue Regentage.

Im Herbst 2020 kommt die neue thezoo Kollektion raus. Was hat es mit dem Motto „Who are you when nobody is watching?“ auf sich?

Im Lock-Down hatten wir plötzlich nur mehr das Selbstbild. Wir konnten uns kleiden, wonach uns war und mussten kein Fremdbild erfüllen. Darauf nimmt das neue Motto der Kollektion im Herbst Bezug. Wenn niemand hinschaut, wer bist du dann? Die neue Kollektion, die aus dem in Vorarlberg produzierten Tencel Stoff genäht wird, ist für all jene Frauen, die etwas für sich tun wollen, die angenehme und schöne Unterwäsche suchen und dabei auf Regionalität und Nachhaltigkeit achten.

Marlies, danke für das Interview!

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