Future of workspaces – Wo willst du arbeiten?

DasPackhaus workspaces
DasPackhaus, Wien

Unsere Arbeitsräume sagen viel über die gegenwärtige Arbeitskultur. Jump-seat desks und open spaces offenbaren ein großes Problem: Unsere menschlichen Bedürfnisse spielen hier selten eine Rolle. Ich mache mich daher auf die Suche nach dem perfekten Arbeitsort. Wie sieht er aus? Wo finde ich ihn?

Von Lena Marie Glaser

Darum gehts

Die zunehmende Digitalisierung verändert unsere gewohnten Arbeitswelten. Mit Smartphones, Laptops und Clouds können wir 24/7 im Bett oder am Strand arbeiten. Die Grenze zwischen Arbeit und Privatem löst sich immer mehr auf. Der Raum, in dem wir arbeiten, verändert sich: Sei es im Homeoffice, in Unternehmen mit offenen Raumstrukturen und jump-seat desks oder im Co-working space.

Niemand kann mit Sicherheit vorhersehen, wie unsere Arbeitswelt in Zukunft tatsächlich aussehen wird. Trotzdem werden heute schon weltweit neue workspaces erbaut – oft ohne Rücksicht auf unsere menschlichen Bedürfnisse.

Persönliche Stories

Für Eva, die freie Journalistin, ist es der Frühstückstisch, da sie hier Licht und Atmosphäre liebt. Thomas, der Beamte, schätzt sein Einzelzimmer mit Familienfotos am Schreibtisch, das er auch mal abschließen kann. Julia, die IT-Angestellte, wechselt jeden Tag im Großraumbüro ihren Arbeitsplatz, bevorzugt aber ihr Homeoffice. Für Mascha, die Architektin, ist es ihr Büro im sanierten Altbau mit offenem Raumkonzept und individueller Note.

Wir verbringen viele Stunden unseres Lebens dort und möchten uns dort wohlfühlen, als ganze Menschen wahrgenommen werden. Dieser Ort soll unseren individuellen Bedürfnissen entsprechen. Eine Kurzumfrage in meinem persönlichen Umfeld ergab, dass der workspace mehr ist als nur der Ort an dem wir arbeiten. Er gibt uns Sicherheit und Halt, ermöglicht Austausch und neue Ideen.

Meine Erfahrungen

Früher arbeitete ich jahrelang Tag für Tag in einem Doppelzimmer eines modernen, aber schmucklosen Bürogebäudes in der Wiener Innenstadt. Schlicht und aufgeräumt, moderne und standardisierte Möbel, farbige Ordnerrücken in einer grauen Umgebung. Keine Familienfotos, kaum eine persönliche Note verriet etwas über meine Persönlichkeit. Arbeit und mein Privatleben waren fein säuberlich getrennt.

Mein perfekter Arbeitsplatz

Jetzt aber haben sich meine Lebensumstände tiefgreifend verändert und so auch meine workspaces. Nun entscheide ich, ob ich nun an einem Flex-Desk im offenen Gemeinschaftsbüro eines kreativen Hubs, in meinem Lieblingscafé oder doch am Esstisch meiner Wohnung arbeite. Je nach Lust und Laune, abhängig von den Aufgaben, die ich erledigen möchte. Diese selbst gewählte Flexibilität zeichnet meinen perfekten Arbeitsplatz aus.

UNSERE Rahmenbedingungen

Doch nicht nur meine individuelle Arbeitswelt hat sich verändert. Die Digitalisierung führt zunehmend dazu, dass jene Orte, an denen wir arbeiten, einem grundlegenden Wandel unterliegen. Smartphones, Tablets oder Laptops sind die Werkzeuge von heute. In der Wissensgesellschaft lässt es sich gut ohne Bürolandschaften und Papierablage arbeiten. So bieten viele Unternehmen das Homeoffice an. Das führt dazu, dass die Grenze zu unserem Privatleben immer mehr verschwimmt.

weXelerate Start-up and Innovation Hub, Sofitel Wien workspaces
weXelerate Start-up Hub, Wien
Jump-seat desks oder Individualität?

Trotzdem werden weiterhin eindrucksvolle Hauptquartiere erbaut. Anstatt Einzelbüros mit persönlichen Schreibtischen gibt es nun offene Strukturen und shared-working stations. Schon mal was von workspaces mit jump-seat desks, paperless office, clean-desk policy gehört? Diese neuen Formen der Gestaltung von workspaces wollen Arbeitsabläufe beschleunigen, sollen die interne Kommunikation erleichtern und durch bewusst gesteuerte Kreativität mehr Innovation ermöglichen.

Im Vordergrund: Effizienzsteigerung anstatt individueller Bedürfnisse. Zunehmend lässt sich beobachten, dass Menschen von dieser Form von Flexibilisierung überfordert sind.  Ohne Schutz des persönlichen workspaces nehmen Burn-outs und Erkrankungen zu. Der perfekte Arbeitsumfeld sieht anders aus.

Die Hintergründe

Eine von neuen Technologien geprägte Arbeitswelt würde vermutlich auch ohne diese Arbeitsräume auskommen. Doch für Unternehmen sprechen einige Gründe dafür weiterhin auf Büros zu setzen (Planing Office Spaces – A practical guide for managers and designers, Laurence King Publishing, 2010): 1. Aufgaben und Tätigkeiten können effizienter erledigt werden, 2. die Kommunikation wird erleichtert, 3. sie haben eine bedeutende Rolle für die Identität des Unternehmens.

Café in Brooklyn, New York workspaces
Café in Brooklyn, New York
WAS wir wollen

Aus Sicht der Menschen ist es das Bedürfnis nach Gemeinschaft, Zugehörigkeit und persönlichen Gesprächen, die gemeinsame Arbeitsorte auch in Zukunft wahrscheinlich machen. Angelika Fitz betont in ihrem Buch Arbeitende Orte (Springer 2012), dass selbst die digitale Boheme auf Dauer unzufrieden mit improvisierten Heim- und Kaffeehausbüros ist und sich in Co-Working-Arealen organisiert. 

Bei meinem Besuch in New York im Jänner 2018 beobachtete ich die zahlreichen, eifrigen young professionals in den Cafés der Stadt. Konzentriert mit Musik in den Ohren, fokussiert auf ihre Notebooks and Smartphones. Alleine oder in kleinen Gruppen diskutierten sie die Vorteile und Nachteile des Freelancing, ihre Probleme und Pläne.

Der Trend co-working spaces

Außerdem sah ich an vielen Ecken in New York Co-working spaces, die Büroräume der neuen Arbeitswelt (wikipedia). Ganze Ketten gibt es hier schon, wie Fitnessstudios. Auch in Wien steigt das Angebot dieser Form der neuen Zusammenarbeit. Mein Artikel ‚Dort wo die einzigartigen Ideen wachsen‚ gibt einen Einblick in diese Welt der Co-working spaces.

Markhof Co-working workspaces
Markhof – Co-working in Wien
Future of Workspaces

Die britische Tageszeitung TheGuardian berichtete im Juni 2017 über das geplante neue Google Headquarter London, Baubeginn 2018: Floor plans for the building show a wellness centre containing gyms, massage rooms a narrow swimming pool and multi-use indoor sports pitch, and a rooftop garden split over multiple storeys and themed around three areas: a plateau, gardens and fields, planted with strawberries, gooseberries and sage. TheGuardian

So sehen es die Experten

Sind die Zeiten von jump-seat desks also vorbei? Können wir nun mit Wohlfühloasen rechnen? Raphael Gielgen, Trendforscher des Schweizer Möbel-Unternehmens VITRA, ist davon überzeugt, dass der ideale workspace der Zukunft Halt und Orientierung gibt.

Er sieht eine Renaissance von Headquarter, Büro und Campus, da sich Menschen nach Gemeinschaft sehnen. Es sind kuratierte Orte mit Charakter, die der Community eine Heimat bieten, so der Experte (in 100 Working Spaces – Büros der Zukunft, 2016/17).

Microsoft Austria Headquarter, Wien workspaces
Microsoft Austria Headquarter, Wien
Community oder lieber activity-based?

In activity-based workspaces mit Ruhezonen, Bereichen für individuelle und gemeinschaftliche Arbeit in offenen Strukturen und mit Führungskräfte-Tischen, sieht Bernhard Herzog die Zukunft der Arbeit. Als Experte für das neue Arbeiten von M.O.O.CON, einem deutsch-österreichischen Strategieberater für Organisations- und Objektentwicklung, beschäftigt er sich damit, wie das ideale Arbeitsumfeld aussieht.

Immer mehr Unternehmen nehmen die Beratung von M.O.O.CON in Anspruch. Die Kunden reichen von NGO (Caritas Österreich),  öffentlichen Institutionen (Arbeiterkammer) bis zu internationalen Finanzdienstleistern (Deutsche Bank). Bei meinem Besuch in der Wiener Niederlassung erfahre ich, dass der Entwicklungsstand einer Organisationskultur vorgibt, auf welches Konzept M.O.O.CON zurückgreift.

Wenn ich die Kultur im Unternehmen nicht verändern kann, dann brauche ich nicht den Raum der nächsten Generation hinstellen. Weil er nicht verstanden wird, ist sich Bernhard Herzog sicher. Unternehmen stehen dabei oft vor der Entscheidung, einen schnellen Weg zu gehen und dabei zu riskieren, Mitarbeiterinnen zu verschrecken oder aber einen Wettbewerbsnachteil zu riskieren, so der Leiter der M.O.O.CON Forschungsabteilung.

Neue Arbeitskultur?

Für den M.O.O.CON Experten ist klar, dass Bürokonzepte mit der veränderten Arbeitswelt mithalten müssen. Diese können gar notwendige Veränderungen in Unternehmenskultur und Arbeitsweise bewirken, ist Herzog überzeugt.

Angesprochen auf die Kritik an allzu flexiblen Arbeitsplätzen, erklärt Bernhard Herzog die Überforderung damit, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bisher gewohnt waren, klar abgegrenzte Aufgaben in individuellen Einzelzellen zu erledigen; in einer veränderten neuen Arbeitswelt werden sie nun gefordert mit ihren Kolleginnen und Kollegen in offenen Strukturen zu arbeiten und so das große Ganze zu sehen.

In der Wiener M.O.O.CON Niederlassung wird dieses activity-based Konzept gelebt. Außer dem Sekretariat hat hier niemand einen fixen Arbeitsplatz. Jeden Tag suchen sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einen neuen Arbeitsplatz, ihre Laptops und Unterlagen werden am Ende des Tages in einem persönlichen Kästchen verstaut. Das paperless office ist dafür erforderlich. Ein Modell, das hier sehr gut funktioniert, da diese Menschen regelmäßig unterwegs bei ihren Kunden sind.

Rutsche im Microsoft Austria Headquarter, Wien workspaces
Rutsche im Microsoft Austria Headquarter, Wien
Wohlfühlumgebung oder MarketingStrategie?

Auch Microsoft Austria sieht sich als Vorreiter der neuen Arbeitswelt. Werde ich hier den perfekten Arbeitsplatz finden? Vor Ort unterstreicht die eloquente Marketingmitarbeiterin, wie wichtig es Microsoft ist, eine Wohlfühlumgebung zu schaffen: viel Natur, die bunte Bürogestaltung, eine Rutsche sollen dazu beitragen.

Bei meiner Tour entdecke ich offene Raumstrukturen mit shared-working stations, Kästchen zum Verstauen der persönlichen Dinge am Ende des Tages, schalldichte Zellen für Telefonate, farbenfrohe Meetingräume, inspiriert vom Wiener Kaffeehaus bis zur New Yorker Graffiti Wand.

Ein besonderes Unterscheidungsmerkmal zu gewöhnlichen Büros: Auch die Geschäftsführerin hat hier keinen festen Arbeitsplatz. Außerdem gibt es keine Kernarbeitszeit, den Microsoft Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern steht es also offen 24/7 zu arbeiten.  Doch eines fällt uns als Besuchergruppe auf: Vor Ort treffen wir kaum jemanden. Arbeiten die alle zu Hause?

ÖAMTC Wien workspaces
ÖAMTC Wien
Transparenz vs Freiraum

Ein viel besprochenes neues Bürogebäude ist auch das ÖAMTC Headquarter. Es beeindruckt mit futuristischer Architektur, viel offenem Raum, Glas und Transparenz. Mein persönlicher Eindruck bei einer Tour durch das Gebäude: Viel Privatsphäre und Ruhe haben die Menschen hier nicht.

Und so war das früher

Einen Blick in die Vergangenheit ermöglicht die ehemalige Postsparkasse in der Nähe der Wiener Ringstraße. Das von Otto Wagner entworfene und zwischen 1904-1912 erbaute Postsparkassengebäude ist unerwartet modern in der Innengestaltung, aber mit klarer Abbildung sozialer Hierarchien in Materialauswahl, Ausstattung sowie Raumlogistik.

Für die einfachen Jobs niedrige, eher trostlose Räume, für die Führungsetage kräftige Farben und protzige Möbel. Ein klarer Kontrast zum aktuellen Trend der offenen Strukturen, shared-working stations und Führungskräfte-Tischen.

Alte Postsparkasse Otto Wagner, Wien workspaces
Alte Postsparkasse Otto Wagner, Wien
Vom Einzelbüro zu geteilten Arbeitsräumen

Auch das nach Plänen von Roland Rainer 1968-1976 erbaute ORF-Zentrum am Küniglberg wird schrittweise erneuert. Die alten Einzelbüros von offenen Raumstrukturen abgelöst, Konferenzräume nachhaltig und innovativ erneuert. Im noch bestehenden Originalbereich sind die Hierarchien eindeutig zu erkennen, im neuen Newsroom von ORF 1 hingegen sind geteilte workspaces und offene Raumstrukturen bereits die Normalität.

ORF Zentrum Küniglberg, Wien
ORF Zentrum Küniglberg, Wien

Das in Wien beheimatete internationale Architektur- und Designbüro Veech X Veech war maßgeblich an der Neugestaltung der ORF-Konferenzräume und Newsrooms beteiligt. Für Mascha Veech-Kosmatschof spielen Nachhaltigkeit und die Berücksichtigung der menschlichen Bedürfnissen eine wichtige Rolle. Veech-Kosmatschof war die Assistentin von Zaha Hadid an der Universität für angewandte Kunst Wien. Nun arbeitet sie mit ihrem Unternehmen Veech X Veech an renommierten Projekten, so auch bei der Gestaltung von workspaces.

weXelerate, Start-up and Innovation Hub, Sofitel Wien
weXelerate, Start-up Hub Wien
von Überholten Konzepten …

Der Trend bei workspaces in Österreichs Unternehmen geht derzeit in Richtung shared-working stations und jump-seat desks – oft inspiriert von überholten Konzepten der großen IT-Unternehmen aus dem Silicon Valley. Ein gutes Beispiel dafür sind die Räumlichkeiten des Wiener Startup-Hubs weXelerate. Bieten uns diese Büros die erforderlichen Rahmenbedingungen? Können sie uns wirklich inspirieren? Oder aber brauchen wir Räume, die uns das Gefühl der Stabilität vermitteln?

… und worum es eigentlich geht

Das Architekturbüro kadawittfeldarchitektur sieht die Lösung in einem Mittelweg: Wo kann man angekommen sein und doch offen bleiben für Veränderung. Workspaces müssen zwar immer flexibler werden, aber gleichzeitig auch Stabilität bieten (in Arbeitende Orte, Fitz).

DasPackhaus, Wien workspaces
DasPackhaus, Wien
Neue Wege: Von der Zwischennutzung …

Das Wiener DasPackhaus verbindet diese scheinbar widersprüchlichen Pole von Lebendigkeit und Stabilität. Als Zwischennutzungsprojekt in der Wiener Marxergasse ist es ein kreativer, improvisierter Ort auf Zeit. Mit viel Charme wurde das alte Bürogebäude der Finanzverwaltung renoviert. Die Nutzerinnen und Nutzer haben die Möglichkeit, ihre Büros individuell zu gestalten.

… zum Traumarbeitsplatz

DasPackhaus bietet darüber hinaus Flex-Desks in einem Gemeinschaftsbüro an. Neben den Meetingräumen, einem Bewegungsraum und der Küche steht auch der Garten zur gemeinsamen Verfügung. Regelmäßig finden Veranstaltungen und Workshops statt. Ressourcen werden so geteilt, der Austausch und die Inspiration untereinander ermöglicht.

DasPackhaus, Wien workspaces
DasPackhaus, Wien
Und darauf kommt es wirklich an …

Für mich wurde klar, dass der ideale workspace der Zukunft Halt und Orientierung, Lebendigkeit und Kommunikation ermöglicht. Ein Ort der Zusammenarbeit, des Austausches ist. Im besten Fall flexibel und sich an unsere individuellen Bedürfnisse anpassend.

Jedenfalls ist er keine Kopie eines amerikanischen IT-Unternehmens, kein Umfeld das überfordert. Arbeitsräume müssen uns unterstützen und nicht das Gefühl vermitteln, eine reine Human Resource zu sein. Wie genau dieser Ort aussieht, steht nicht im Vordergrund – sondern welches Menschenbild damit vermittelt wird.

Lena Marie Glaser
Lena Marie Glaser, Editor-in-chief

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